schweiz
Heikle Analysen im Kommabereich; Die Kritik; Die Rechtfertigung
Marina Bolzli
25 October 2007

Kritik an gfs-Leiter Claude Longchamp - Die Wahlbarometer des gfs-Instituts von Claude Longchamp stehen unter Beschuss. Er kommentiere Zahlen, die gar nicht interpretierbar seien, und lege seine Daten nicht offen, sagt der Berner Politologe Georg Lutz.

Keine Schweizer Wahlen ohne Wahlbarometer und kein Wahlbarometer ohne Claude Longchamp. Der Berner Politologe ist Chef des gfs-Forschungsinstituts in Bern. Neunmal stand er vor den Wahlen 07 im Schweizer Fernsehen schlagfertig Red und Antwort. Von grossen Veränderungen war die Rede, was prompt zu grossen Diskussionen in Medien und Parteien führte. «Das Ganze war eine etwas künstliche Diskussion», sagt der Berner Politologe Georg Lutz. «Wenn man den vom gfs selbst ausgewiesenen Stichprobenfehler berücksichtigt, waren die Verschiebungen zwischen zwei Wahlbarometern wohl kein einziges Mal statistisch signifikant.» Und er geht noch weiter: «Es ist heikel, dass Werte im Bereich von unter ein Prozent angegeben werden.» Damit spricht er unter anderem auf die Barometerergebnisse an, welche im Vorfeld der Wahlen prognostizierten, dass die CVP die FDP um 0,3 Prozentpunkte überholen wird. Dies missfiel auch dem Berner Politologen Werner Seitz im «Tages Anzeiger». «Angesichts des Stichprobenfehlers sollte man nicht Aussagen bis hinter die Kommastellen machen und diese sogar noch überinterpretieren», sagte er der Zeitung.

Als heikel bezeichnete dies auch SRG-Direktor Armin Walpen in einem Interview mit dem Westschweizer Radio. Die Wahlbarometer werden im Auftrag der SRG durchgeführt. «Man darf diese Daten nicht nehmen und von einem Sieg der CVP über die FDP sprechen», sagte Walpen. «Diese Prozentzahl sagt absolut nichts.» Damit sprach er die Journalisten an, die dies bereits so verkündet hatten. Er frage sich, ob es wirklich die Aufgabe der SRG sei, diese Umfragen in Auftrag zu geben. Zudem brauche es vielleicht nicht ganze neun Umfragen. Gegenüber dieser Zeitung wollte sich die Geschäftsleitung der SRG nicht äussern, weil momentan die Berichterstattung zu den Wahlen noch analysiert werde. Es ist auch nicht bekannt, wie viel Geld die SRG für die Wahlbarometer zahlt.

Fakt ist, dass die Journalisten nicht von selbst überreagieren. Denn es ist Claude Longchamp, der diese nicht interpretierbaren Zahlen interpretiert.

Wissenschaftlich ist Claude Longchamps Wahlbarometer auf zwei Ebenen umstritten, erläutert Georg Lutz. Erstens würden die Ergebnisse überinterpretiert. Zweitens mache Claude Longchamp seine Originaldaten und seine Methodik nicht zugänglich. Dies müsste er aber, falls er Wissenschaftlichkeit beanspruchen würde. «Wenn man etwas nicht unabhängig überprüfen kann, wird eine Aussage zur blossen Glaubensfrage.» Der Zugang zu den Daten wäre laut Lutz sowieso sinnvoll, denn diese wären für weitergehende Analysen interessant.

Das Schweizervolk und die SRG jedenfalls haben Longchamp bisher vertraut. Seit 20 Jahren ist er es, der vor Wahlen und Abstimmungen die Trends durchgibt. Er hat in diesem Bereich gewissermassen ein Monopol. «Longchamp hat eine grosse Glaubwürdigkeit in den Medien», fügt Lutz denn auch an. Und er gesteht ihm auch zu, dass er ein «Kommunikator mit analytischem und politischem Gespür» sei. Zudem liefere Longchamp ein «Produkt», das niemand sonst schlagen könne. Doch: «Sobald nichtsignifikante Umfrageergebnisse den Wahlkampf beeinflussen, ärgere ich mich schon», sagt Lutz.

Claude Longchamp selbst reagiert bei Kritik heftig. «Das höre ich jetzt seit bald 20 Jahren», sagt er. Dann versucht er seinen Standpunkt überzeugend zu erörtern, denn er ist, wie schon erwähnt, ein guter Redner. «Wir setzen uns dafür ein, dass der mögliche Fehlerbereich der Wahlbarometer möglichst offengelegt wird», sagt er und rechtfertigt auch seine diesbezüglichen Analysen. «Unsere Interpretationen sind zulässig, die Zuspitzung erfolgt durch Titel der Medienwelt insgesamt – auf die haben wir keinen Einfluss.» Auch als «abonnierter Politologe» der SRG fühle er sich nicht dazu verpflichtet, Spannung zu erzeugen. «Es gibt keinen Passus in dieser Hinsicht.» Allerdings würden Neuigkeiten erwartet, weshalb bei jedem Wahlbarometer ein Themenschwerpunkt gesetzt werde. Die Daten zu offenzulegen ist laut Longchamp nicht möglich. «Das ist eine Forderung aus der wissenschaftlichen Grundlagenforschung.» Zudem könnte sonst die Konkurrenz mit den Daten arbeiten.

So bleibt Claude Longchamp wohl auch weiterhin konkurrenzlos.